Socken

Vor ein paar Jahren saß ich im Zimmer meiner Tochter. Sie war so acht Jahre alt. Wir waren umzingelt von mindestens 100 Kuscheltieren und Bergen von Spielen und Gedöns.

Papa: „Wie wäre es, wenn du nur noch Sachen hättest, die dich glücklich machen?“

Tochter: „Watt?“

Papa: „Stell dir das vor… sobald du irgendwas von deinen Sachen in die Hand nimmst, bist du schon glücklich.“

Tochter: „Du spinnst. Wie sollen mich Socken oder Unterhosen denn glücklich machen?“

Papa: „Naja, ich wette, ich kann dir Socken oder Unterhosen besorgen, die dich sehr unglücklich machen.“

Die Tochter war skeptisch aber neugierig. Zwei Wochen später schlenderten wir durch die Stadt. Meine Tochter brauchte Socken.

Papa: „Wir kaufen nur Socken, die dich glücklich machen, wenn du sie anfasst!“

Tochter: „Oh nein! Das Thema schon wieder. Wie soll das denn gehen?“

Papa: „Du fasst alle Socken an, die da so rumhängen. So lange bis dich welche glücklich machen. Voll einfach.“

Tochter: „Und wenn ich keine finde?“

Papa: „Das ist noch einfacher: dann kaufen wir nix.“

Im ersten Geschäft befühlte sie 20 oder 25 Paar Socken. Ohne Erfolg.

Papa: „Kein Problem. Gut gemacht. Ich kenne noch ein Geschäft.“

Sie war schon leicht genervt – aber ich war mir meiner Sache sehr sicher. Nächstes Geschäft. Ich schickte sie zu den Socken und setzte mich faul in eine Ecke.

Nach einer Viertelstunde kommt sie angerannt.

Tochter: „Ich habe die perfekten Socken gefunden! Die sind so cool. Das glaubst du nicht. Und so weich!“

Ist kein Witz: ihre Augen leuchteten. Wegen Socken.

Tochter: „Kann ich die bitte haben?“

Papa: „Machen die dich denn wirklich glücklich?“

Tochter: „Und wie!“

Wir kauften zwölf Paar. Alle anderen Socken wurden aussortiert. Wir sprachen noch wochenlang über Socken.

Papa: „Wenn du magst, kommt jetzt der nächste Schritt – dein ganzes Zimmer.“

Tochter: „Abgemacht.“

Einen Tag später reichte ich ihr nach und nach alle Kuscheltiere, alle Klamotten, alle Spiele. Sie nahm alles in die Hand, überlegte einen Moment und sagte „glücklich“ oder „nee – weg.“

Zwei Stunden später hatten wir 25 x 120 Liter Müllsäcke vollgepackt. Fast alles konnte weg und ging an Familie, Freunde, Flohmarkt. Das Zimmer war wie leergefegt. Ihre Mutter bekam eine Krise.

Tochter: „Schon gut, Mama. Das macht mich alles nicht mehr glücklich. Ehrlich!“

Ihre Mutter hielt mich für bekloppt – ich würde das Kind total überfordern und so weiter.

Es ging gerade auf Weihnachten zu. Also auf ins Spielzeuggeschäft.

Papa: „Du kannst dir aussuchen, was du willst. Es gibt nur eine Bedingung.“

Tochter: „Es muss mich glücklich machen?“

Papa: „Kluges Kind… ab dafür.“

Ich saß wieder faul in irgendeiner Ecke. Zwei Stunden!

Tochter: „Ich glaube, ich habe jetzt alles angefasst. Paar Sachen sind ganz gut… aber nicht so, dass ich jetzt damit länger was anfangen könnte.“

Papa: „Ok. Dann kaufen wir nix.“

Ab ins nächste Spielzeuggeschäft. Gleiches Ergebnis.

Papa: „Wenn dir was einfällt, sag einfach Bescheid.“

Eine Woche später klingelte das Telefon.

Tochter: „Ich weiß es jetzt! Ich wünsche mir eine Nähmaschine.“

Papa: „Abgemacht.“

Sie bekam die Nähmaschine. Sie nähte wochen- und monatelang Klamotten für Kuscheltiere – erst für ihre eigenen, dann wurden die Kuscheltiere von allen Freunden neu eingekleidet.

Nächsten Monat wird sie zwölf. Sie hat gute Chancen, alles zu bekommen, was sie glücklich macht. Ich habe sie letzte Woche gefragt, was sie sich wünscht.

Tochter: „Ganz ehrlich – ich brauche nix.“

Das Buch dazu heißt „Magic Cleaning“ von Marie Kondo. Ist gut.

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12 Kommentare zu „Socken“

  1. Ich empfehle zu tauschen. Unsere Gesellschaft ist eh noch zu stark auf Besitz fokussiert. Wir wohnen in einer Großstadt und können sehr viele Dinge leihen und tauschen. Unsere Tochter findet das sehr gut:-)

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  2. Boa. Ob meine Stofftiere- und Lustige-Taschenbuch-hamsternde Tochter (10) das Kondo-Prinzip auch so schnell verstehen und umsetzen würde wie Ihre? Ich bezweifle das irgendwie. Werde es aber mal versuchen!

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  3. Super Idee 👍
    Werde ich mir merken. Vermittelt genau die richtigen Werte.
    (1) Gezielt und überlegt konsumieren
    (2) Sich auf seine persönlichen Bedürfnisse konzentrieren. Nicht was andere Sagen oder die Werbung uns vermittelt ist korrekt, sonder was für mich selbst zählt ist wichtig.
    Habe vor zwei Wochen dazu einen Artikel „Sparen ist nicht gleich Sparen“ geschrieben, wo ich die beiden Punkte auf das Sparen bezogen habe.
    Schöne Grüße
    Sebastian – Hobbyinvestor

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  4. Hallo Hobbyinvestor,
    ich kann wirklich nur bestätigen, dass diese kleine Episode das Thema Konsum für uns tatsächlich verändert hat. Konsum, der einen nachhaltig glücklich macht, ist okay. Ich bin ja inzwischen so ein kleiner Sparfuchs und habe wochenlang überlegt, ob ich mir zwei Lafuma Liegestühle für 200 Euro das Stück kaufen soll. Ich war vorher mit Tochter und Freunden im Baumark, wir haben Probe gesessen/gelegen und hatten viel Spaß. Die Dinger waren einfach richtig gut, so dass ich nach drei, vier Wochen des Überlegens zugeschlagen habe. Und ich muss jetzt gerade lächeln, weil die Dinger so krass gemütlich sind und ich mich noch mehr auf den Sommer freue – mit einem Gintonic, mit Freundin oder Tochter in einem Lafuma-Gemütlichkeitstraum. 🙂 Schönes Wochenende!

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  5. Stimmt, Struwwelpeter. Diese Tauschbuchstationen in den Städten sind super. Hier in der Gegend hat sogar jemand seine Garage zu einer Tauschstation umfunktioniert. Sehr cool!

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  6. Hi, EasyWISA. Gibt auch noch die Möglichkeit des Zwischenlagerns. Sachen heimlich aus dem Kinderzimmer verschwinden lassen, einlagern und erst nach zwei Monaten oder so weggeben.

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  7. Wow, vernünftige Tochter. Eine vegetarische Näherin hat nicht jeder zuhause. Ob das bei jedem Kind so funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Mir fällt die Frage „macht mich das glücklich?“ selbst schwer. Ich lagere manche Dinge 5 Jahre in einer Schublade und freue mich dann, wenn ich das Ding einmal brauche.
    Die Idee mit den Socken ist wirklich toll.

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